Damit wir als Gesellschaft auch im Netz fair und demokratisch miteinander umgehen, setzt sich HateAid für Menschenrechte im digitalen Raum ein. Wir haben die Geschäftsführerinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon zum Interview gebeten. Viel Spaß!
Hallo Anna-Lena und Josephine. HateAid setzt sich seit 2018 gegen digitale Gewalt und Hass im Netz ein. Warum?
Josephine: Desinformation und digitale Gewalt gefährden unsere Demokratie. Wir sehen aktuell mehr denn je, dass rechtsextremistische Akteure die sozialen Medien nutzen, um Menschen einzuschüchtern und mundtot zu machen. Online-Plattformen haben keine Motivation hiergegen etwas zu unternehmen. Im Gegenteil: sie profitieren sogar davon, weil ihr Geschäftsmodell auf die Verbreitung extremer Inhalte ausgelegt ist. Das ist eine gefährliche Mischung und spielt autoritären Kräften in die Hände. Wir sagen: Unsere demokratischen Werte müssen auch für den digitalen Raum gelten.
Wie finanziert sich HateAid? Welche Rolle spielen Spenden?
Anna-Lena: HateAid finanziert sich durch öffentliche Förderung, private Förderungen durch z.B. Stiftungen und vor allem auch aus Spenden. Spenden sind für uns sehr wichtig. Denn öffentliche Förderungen werden zunehmend infrage gestellt und es ist unklar, ob und wer noch gefördert wird. Deswegen sind wir auf Spenden angewiesen: Um unabhängig und verlässlich weiter Menschen unterstützen zu können, die im Internet Gewalt erfahren und uns dafür einzusetzen, dass sich grundlegend etwas ändert.
Aktuell ruft naturstrom im Rahmen der Initiative naturstrom demokratieplus Menschen dazu auf, für HateAid zu spenden, wobei naturstrom jede Einzelspende bis 2.500 Euro verdoppelt. Das gespendete Geld wird vorrangig für die Beratung von Betroffenen eingesetzt. Erzählt uns doch bitte, wieso diese Beratung so wichtig ist.
Josephine: Es ist erstmal wichtig zu verstehen, wovon wir sprechen: In unsere Beratung kommen Menschen, die Morddrohungen erhalten, sexualisiert beleidigt werden, über die Lügen verbreitet werden, um ihnen zu schaden oder die plötzlich sexualisierte Deepfakes von sich im Internet finden. Betroffene fühlen sich oft allein gelassen – von der Polizei und von den Plattformen. Oft können sie auch gar nicht einordnen, was ihnen gerade widerfährt. Wir bieten emotional stabilisierende Erstberatung, sowie Privatsphäre- und Sicherheitsberatung an. Wir unterstützen sie auch bei der Beweissicherung, dem Melden von Inhalten und im Rahmen unserer Prozesskostenfinanzierung bei der Rechtsdurchsetzung. Wir beraten Menschen sowohl in akuten Situationen, aber auch zur Prävention. Für uns ist wichtig, dass sie weiter online präsent bleiben und sich nicht von den Täter:innen einschüchtern lassen.
Du hast gerade von sexualisierten Deepfakes gesprochen. Was versteht man darunter und wieso sind sie eine Gefahr für unsere Demokratie?
Josephine: Sexualisierte Deepfakes sind KI-generierte sexualisierte Bilder und Videos. Die Erstellung und Verbreitung ohne Einwilligung sind ein schwerer Eingriff in das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und haben schwerwiegende Folgen für die Betroffenen. Diese reichen von psychischen Problemen bis hin zu sozialer Isolation. Meistens sind Frauen betroffen. Sie sollen mundtot gemacht und aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden, den sie sich gerade erst erobert haben. Heutzutage muss jede Frau mit der Angst leben, dass sexualisierte Deepfakes von ihr durch Fremde oder ihr nahestehende Männer verbreitet werden, z.B. weil sie sich in den sozialen Medien geäußert hat. Das schwächt ihre Teilhabe am Diskurs und somit auch die Demokratie.
In den letzten Wochen wurde im Zusammenhang mit digitaler Gewalt viel über Collien Fernandes berichtet, die schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhoben hat. Collien setzt sich gleichzeitig bereits seit mehreren Jahren gemeinsam mit euch öffentlich gegen digitale Gewalt ein und erfährt gerade erneut ein hohes Maß an digitaler Gewalt. Außerdem muss sie sich auch im öffentlichen Raum vor Angriffen schützen – beispielsweise mit kugelsicheren Westen und Leibwächter:innen. Wie kann man Betroffene wie sie, aber auch Betroffene im eigenen sozialen Umfeld, konkret unterstützen?
Anna-Lena: Es ist enorm wichtig, nicht wegzusehen und Betroffenen unter die Arme zu greifen, damit sie Hilfe und Unterstützung bekommen – bei Freund:innen, bei Beratungsstellen oder auch der Polizei. Digitale Gewalt macht etwas mit allen, die davon betroffen sind und man sollte nicht damit allein bleiben. In Beratungsstellen können Betroffene aufgefangen werden und sich mit Expert:innen – auch anonym – über das weitere Vorgehen austauschen. Wichtig ist auch, schnell Beweise zu sichern und rechtssichere Screenshots zu erstellen. Es gibt einen großen Bedarf an Unterstützung: Die Anzahl von Menschen, die Beratung bei uns suchen, steigt aktuell stark an.
Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) hat im April einen Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt vorgestellt. Welche positiven Aspekte seht ihr darin und was würdet ihr euch für die Umsetzung zusätzlich wünschen?
Josephine: Der vorgelegte Gesetzentwurf setzt wichtige Impulse. Die Verbreitung als auch die Herstellung sexualisierter Deepfakes soll jetzt strafbar werden. Niemand sollte das Recht haben, nicht einvernehmliche sexualisierte Deepfakes von einer Person zu erstellen und weiterzuverbreiten. Gleichzeitig befürchten wir, dass Schutzlücken bleiben. Die Herstellung KI-generierter Bikini- oder Unterwäschebilder wären zum Beispiel nach dem jetzigen Entwurf nicht strafbar, obwohl sie genauso sexualisiert sind und Schaden anrichten. Zusätzlich müssen wir uns das Ökosystem anschauen. Das heißt die Unternehmen, die mit der Bloßstellung von Frauen Profit machen. Das sind Hosting-Anbieter, Suchmaschinen, Porno-Plattformen oder Apps, die die Nacktbilder produzieren. Sie müssen verpflichtet werden, Risiken für Missbrauch zu minimieren und es darf kein Geld mehr mit solchen Missbrauchsinhalten gemacht werden. Gerade jetzt brauchen wir klare Regeln und starke Institutionen, die Betroffene von digitaler Gewalt schützen. Der Schutz der Menschen sollte mehr bedeuten als die Interessen von Big Tech.
Vielen Dank für eure wertvolle Arbeit und eure Zeit für das Interview!
Na, auch Lust bekommen, für HateAid zu spenden und naturstrom verdoppeln zu lassen? Hier geht’s zur Spendenaktion bei betterplace.org.
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unterstützt naturstrom seit Februar 2023 in der politischen Kommunikation. Die Politikwissenschaftlerin war vorher bei der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF) zu den Themen Energieeffizienz und Wärmewende tätig.