Einen Stromtarif hat jeder Haushalt, einen dynamischen aber noch die wenigsten. Dabei bieten Tarife wie naturstrom smart eine Menge Vorteile, wie eine von uns beauftragte Studie zeigt. Was es damit auf sich hat und wie neben Haushalten auch die Energiewende profitiert, erklärt unser Kollege Sven Kirrmann im Interview.
Bevor wir anfangen: Sven, was sind eigentlich dynamische Stromtarife?
Dynamische Tarife funktionieren anders als herkömmliche Haushaltstarife. Statt einem festen Preis pro Kilowattstunde (kWh) ändern sich die Kosten pro verbrauchter kWh hier jede Viertelstunde – je nach Preisentwicklung an der Strombörse.
Wenn man seinen Verbrauch entsprechend anpasst und in Zeiten mit niedrigen Preisen verlagert, kann man sparen – und zwar ordentlich.
Das Ganze ist außerdem nicht nur gut für den eigenen Geldbeutel, sondern auch für die Energiewende. Denn die Preise sind meist genau dann günstig, wenn auch viel Ökostrom im System ist. Wenn zu diesen Zeiten mehr Strom verbraucht wird, verbessert das die Nutzung von Solar- und Windenergie.
Ah, in der Studie geht’s also ums individuelle Sparen und die Energiewende generell?
Ganz genau. Dafür haben wir das Analyseinstitut Neon beauftragt, für zwölf Monate – September 2024 bis August 2025 – für jede Stunde die Stromkosten eines durchschnittlichen Festpreistarifs und unseres dynamischen Tarifs naturstrom smart zu vergleichen. Welche Rolle Elektroautos, Wärmepumpen und Speicher (also steuerbare Verbraucher) spielen, stand bei der Analyse besonders im Fokus.
Die Studie vergleicht vier verschiedene Haushaltstypen, die sich sowohl bei der Verbrauchshöhe als auch der Entwicklung im Tagesverlauf unterscheiden. Wichtig war uns dabei, dass wir auch Verbrauchsprofile mit viel Bedarf am Abend heranziehen, wenn die dynamischen Stromtarife in aller Regel besonders teuer sind. So gehen auch die Risiken solcher Tarife in die Betrachtung mit ein. Und wir haben dabei auch die Netzentgeltvergünstigungen nach §14a EnWG für flexible Verbraucher berücksichtigt.
Wir wollten aber auch einordnen, wie sehr dynamische Tarife der Energiewende im Ganzen helfen. Dafür haben die Institutskolleg:innen modelliert, wie stark der zusätzliche Strombedarf durch steuerbare Verbrauchstechnologien dazu beiträgt, dass weniger Erneuerbare Energien wegen Netzüberlastung oder zu geringem Bedarf abgeregelt werden müssen.
Ein erster erfreulicher Spoiler: Dynamische Tarife lohnen sich für Haushalte und für die Energiewende noch mehr, als wir erwartet hätten, besonders in einem Fall.
Jetzt machst du es aber spannend. Was zeigt die Studie denn?
Überrascht hat uns alle, dass auch ganz normale Haushalte ohne flexiblen Verbrauch durch einen dynamischen Tarif Stromkosten sparen – auch wenn die Effekte ohne steuerbare Verbraucher gering sind. Da wir bewusst auch Haushalte mit viel teurem Abendverbrauch betrachtet haben und wir ja beispielsweise Ende letzten Jahres zwischenzeitlich sehr hohe dynamische Strompreise hatten, hätten wir das so nicht erwartet.
Den größten Effekt hat der Wechsel in einen dynamischen Tarif allerdings ganz klar für Haushalte mit einem Elektroauto. Die können mit gesteuertem Laden richtig sparen: In unserer Untersuchung summierten sich die Vorteile beim Zuhauseladen mit dynamischem Tarif und Netzentgeltvergünstigungen auf über 80 Prozent der Kosten gegenüber ungesteuertem Laden mit Festpreistarif.
Und auch für die Energiewende ist das Elektroauto die relevanteste Technologie. Bis zu 42 Prozent des Ladestroms kann bei gesteuertem Aufladen aus ansonsten abgeregelten Erneuerbare-Energien-Anlagen kommen.
Verstehe: E-Auto-Besitzer:innen greifen beim dynamischen Tarif zu. Was ist mit anderen Haushalten?
Eigentlich hat sich der dynamische Tarif für alle untersuchten Fälle gelohnt, womit wir echt nicht gerechnet hätten. Während die Einspareffekte bei normalen Haushalten aber überschaubar sind, kann man mit steuerbaren Verbrauchern noch einmal deutlich mehr rausholen.
Statt nur ca. ein Prozent Ersparnis bei unflexiblen Haushalten mit viel Abendverbrauch könnte man beispielsweise durch einen kleinen Batteriespeicher, der mittags günstigen Strom einspeichert, die Ersparnis auf drei Prozent oder etwa 50 Euro im Jahr steigern.
Mit einem mittelgroßen Speicher sind in unserem Beispiel sogar acht Prozent oder etwa 120 Euro im Jahr drin – allerdings nur, weil damit auch die vergünstigten Netzentgelte genutzt werden können. Ansonsten übersteigen die Investitionskosten für den Speicher die Ersparnisse. Bei besonders großen Speichern reichen auch die zusätzlichen Anreize durch die Netzentgeltvergünstigungen nicht mehr, die lohnen sich aktuell noch nicht für dynamische Tarife.
Auch eine Wärmepumpe ist ja ein solcher steuerbarer Verbraucher. Lohnt sich hier ein dynamischer Tarif?
Dynamische Tarife sind definitiv ein zentraler Baustein für das zukünftige Energieversorgungssystem mit viel Wind- und Solarstrom. Denn sie bieten starke wirtschaftliche Anreize, Verbrauch an die Einspeisung anzupassen.
Dass man solche Flexibilitäten ins Energiesystem baut, ist übrigens nichts Neues: Man denke nur an die Nachtspeicheröfen, die die nächtliche Überproduktion unflexibler Atomkraftwerke ausgleichen sollten.
Oder an die riesigen Gasnetze und -speicher, mit denen wir die bisherige fossile Abhängigkeit unserer Wärmeversorgung absichern. Für ein moderneres System braucht es nun aber eben auch andere Flexibilitätsinstrumente – und da spielen dynamische Tarife eben eine zentrale Rolle.
Gewinnen tut auch die Volkswirtschaft: Denn durch einen an die Marktlage angepassten Stromverbrauch sparen nicht nur die Haushalte. Es wird auch weniger Ökostrom abgeregelt und Erneuerbare steigen im Wert gegenüber den Fossilen, was weniger Förderbedarf bedeutet. Heißt also: geringere Systemkosten.
Insbesondere durch die dieses Jahr neu eingeführten zeitvariablen Netzentgelte wird auch die Netzinfrastruktur besser ausgelastet. Dadurch könnte teilweise auch beim Netzausbau gespart werden.
Unsere Studie zeigt, dass diese Anreize der vergünstigten Netzentgelte sehr attraktiv sind. Da hat die Bundesnetzagentur gute Arbeit geleistet.
Das sind ja mal rundum erfreuliche Studienergebnisse. Dann also fix einen dynamischen Tarif abschließen?
Für viele Haushalte – gerade mit steuerbaren Verbrauchern – könnte es sich durchaus lohnen. Aber auch wenn wir ganz bewusst vorsichtige Annahmen getroffen haben: Dass ein realer Haushalt exakt auf die modellierten Einsparungen kommt, kann ich leider nicht versprechen.
Natürlich hängen die Vorteile auch an der weiteren Entwicklung der Börsenstrompreise – wobei wir hier kurzfristig durchaus davon ausgehen, dass es häufige Negativ- oder Niedrigpreisphasen gibt. Damit wären dynamische Tarife durchaus in vielen Fällen attraktiv. Insbesondere alle Haushalte, die größere Strommengen flexibel verbrauchen können, sollten sich informieren.
Das wesentliche Problem ist aber ein anderes …
Oh, was steht dem Sparen denn im Weg?
Momentan sind es viel weniger die Preisrisiken, die wir untersucht haben, als die mangelnde Verfügbarkeit von Smart Metern. Denn bislang haben nur rund drei Prozent der Haushalte überhaupt einen solchen intelligenten Stromzähler. Haushalte mit steuerbaren Verbrauchern bekommen diese zwar sukzessive automatisch. Für normale Haushalte ist das aber erst einmal nicht vorgesehen. Die können einen Einbau aber immerhin bei ihrem Netz- bzw. Messtellenbetreiber beantragen. Leider ist das aber oft mit langen Wartezeiten und/oder Zusatzkosten verbunden.
Wer sehr an einem dynamischen Tarif interessiert ist und noch keinen Smart Meter hat, der kann sich aber auch bei wettbewerblichen Messtellenbetreibern umschauen, da gibt es sehr viel pragmatischere Angebote.
Nachdem die Studie durchaus eine gute Ausgangslage bescheinigt, würden wir uns freuen, wenn sich möglichst viele Menschen mit unserem dynamischen Tarif auf machen in die nächste Phase der Energiezukunft.
Das ist doch ein schönes Schlusswort. Danke dir, Sven!
-
unterstützt seit Juni 2022 das Presseteam bei naturstrom. Zuvor arbeitete er im Veranstaltungsmanagement der Verbraucherzentrale NRW und beschäftigte sich dort mit den Themen Energie und Energieberatung.