Fossile Energiepreiskrise, die zweite: Wie auch im Iran-Krieg fossile Brennstoffe Energiekosten treiben und Versorgungssicherheit gefährden

17.06.2026

 – Sven Kirrmann

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Knappe wie teure fossile Brennstoffe, daher eine hohe Inflation und eine schwächelnde Wirtschaft: die Lagebeschreibung im Frühjahr 2026 entspricht ziemlich genau den Problemen, die es in Deutschland und Europa schon vier Jahre zuvor gab. Auch wenn der russische Angriff auf die Ukraine und der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran erhebliche Unterschiede aufweisen, waren die Auswirkungen ganz ähnlich – was an unserer weiter hohen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern liegt. Wir beleuchten die Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen den Krisen – und erläutern, warum wir 2026 doch ein gutes Stück besser dastehen als noch im Frühjahr 2022 und warum ein Friedensabkommen nichts an der grundlegenden Lage ändert.

Der 24. Februar 2022 und der 28. Februar 2026. Zwei Daten mit einschneidenden geopolitischen Auswirkungen, die auch über die sicherheitspolitischen Fragen hinaus unmittelbar in Europa und in Deutschland wirtschaftlich zu spüren waren. Grund war jeweils die kurzfristige Verknappung fossiler Brennstoffe, die in der Folge zu schnell steigenden Energiepreisen und damit zu hoher Inflation sowie zu einer einbrechenden Konjunktur führten. Russland nutzte dabei 2022 und nutzt bis heute gezielt die Abhängigkeit Europas von seinen Öl- und Gaslieferungen aus. Die Importe aus dem Angriffskriegsstaat konnten in Gesamteuropa zwar seitdem deutlich reduziert werden, einzelne Staaten, Regionen oder Anlagen hängen aber weiter am Tropf russischer Energielieferungen. Wie der Angriffskrieg und die begleitende Energiekrise sich damals hierzulande ausgewirkt haben und warum die massiven fossilen Teuerungsraten sich auch auf (Öko-)Strompreise ausgewirkt haben, hatten wir hier auf dem Blog ausführlich beschrieben.

Die Kollateralschäden fossiler Abhängigkeiten

Während Russland die eigene Energiemacht ganz bewusst ausgespielt hat, ist die Energie- und damit Wirtschaftskrise 2026 eher aus Versehen entstanden. Als unbeabsichtigte Auswirkung sehr erratischer amerikanischer Hegemonialversuche – man könnte auch sagen, als Kollateralschaden der weiter viel zu hohen fossilen Abhängigkeiten. Konnte ja niemand ahnen, dass ein Krieg in einer Region, die für rund ein Drittel des weltweiten Ölexports sowie 20 Prozent der Gasexporte steht, Auswirkungen auf die Energiepreise haben könnte. 🙄

So kam es, wie es kommen musste: Die Preise für Öl und Gas stiegen schnell nach den ersten Angriffen von USA und Israel auf den Iran an. Zunächst aus Unsicherheit, dann aber auch durch die Bombardierung von Produktionsanlagen und Verladeterminals durch alle Kriegsparteien und schlussendlich durch die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran – eine Meerenge, die ganz entscheidend für den Abtransport der fossilen Exporte der Golfstaaten ist.

Eher Öl statt Gas und eher Asien als Europa

Sich entwickelnde fossile Energiepreiskrisen gab es also im Frühjahr 2022 wie auch im Frühjahr 2026. Aber so unterschiedlich die Hintergründe waren, so unterschiedlich sind auch die Auswirkungen im Detail trotz der gleichen Überschriften. Während Russland vor allem durch seine Gaspipelines nach Europa ein Druckmittel hatte, geht es im Irankrieg viel stärker um die globalen Ölflüsse. Auch die LNG-Versorgung war und ist zwar massiv eingeschränkt und die entsprechenden Handelsrouten sind zwar eigentlich global, aber im Schnitt gingen die Exporte viel stärker nach Asien als nach Europa, wo inzwischen die USA und Norwegen Hauptlieferanten sind. Daher waren die Auswirkungen hierzulande etwas weniger drastisch als noch 2022 und betrafen vor allem den Kraftstoffmarkt und weniger die europäischen Gasimporte. Nichtsdestotrotz war auch der Gasmarkt in unseren Gefilden betroffen, und auch wenn die Energiekrise hier (bislang) nicht so monumental spürbar war wie die von 2022, darf man sich über die massiven Auswirkungen in anderen Teilen der Welt keine Illusionen machen. Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, warnte sogar vor der schwersten Energiepreiskrise seit Jahrzehnten – und schloss dabei die Ölkrisen der 70er-Jahre (noch so ein Fall problematischer Fossilabhängigkeiten) ausdrücklich mit ein.

Alle Energieträger werden teurer. Alle? Nein, ein kleines unbeugsames Stromdorf wehrt sich

Wie schon 2022 wurden durch die fossile Preiskrise auch in diesem Jahr durch die Kopplungen zwischen den Märkten viele Energieprodukte teurer. Allerdings explodierten damals die Großhandelsstrompreise förmlich durch die sehr direkte Prägung der Märkte durch Gas-Spitzenlastkraftwerke. Das ist aktuell nur in deutlich geringerem Maßstab zu beobachten: So ist der Großhandels-Gaspreis im März 2026 gegenüber dem Vormonat um fast die Hälfte teurer geworden – obwohl mit steigenden Temperaturen nach dem Winter im Regelfall die Gasmarktpreise sinken. Strom blieb im Monatsvergleich quasi preisstabil, sank sogar minimal. Im April gaben dann zwar auch die Gaspreise wieder etwas nach, lagen mit minus 13 Prozent aber weiter deutlich über dem Vorkriegsniveau. Und beim Strom ging es sogar noch deutlicher runter, der Preis sank um über ein Viertel.

Quelle: Fraunhofer ISE/energy-charts.info

Erneuerbare prägen zunehmen den Strommarkt – auch für Endkund:innen

Das zeigt deutlich, dass durch den deutlichen Ausbau der Erneuerbaren seit 2022 die starke Kopplung der Strommärkte an die Kosten von Gas-Spitzenlastkraftwerken klar vermindert werden konnte. Die Preisentwicklung folgt vielmehr dem Erneuerbaren-Dargebot. In diesem Jahr gab es durch eher wenig Wind vergleichsweise teure Wintermonate. Schon ab März wirkt die aufkommende Solareinspeisung den preiserhöhenden Entwicklungen aus dem Gasmarkt entgegen. Und im April wirkte die Sonne sogar trotz Kriegsturbulenzen stark preissenkend – das war vier Jahre zuvor noch ganz anders.

Und diese Wirkung beschränkt sich nicht allein auf den Großhandel, auch für alle Verbraucher:innen ist der zunehmende Erneuerbaren-Ausbau eine gute Nachricht, gerade in einer aktuell sehr krisengeprägten Welt. Zwar gab es durch die politischen Unsicherheiten einen minimalen Anstieg der durchschnittlichen Neuvertragspreise für Strom im März und April, schon Anfang Mai war das jedoch ausgeglichen und Neuvertragsangebote lagen wieder auf Vorkriegsniveau – was (auch durch den Wegfall der EEG-Umlage) sogar auf einer Höhe mit dem Jahr 202o und damit der Zeit vor dem russischen Angriff auf die Ukraine entspricht. Gaspreise sind dagegen heute etwa doppelt so teuer wie noch 2021 und haben im Frühjahr 2026 ein neues kleines Plateau erklommen.

Erneuerbare & Elektrifizierung – Dreamteam gegen fossile Abhängigkeiten

Die vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben gelehrt: Die nächste Fossilkrise kommt bestimmt – also wenn wir die letzten überhaupt schon überwunden haben. Aber die Entwicklungen auf den Energiemärkten zeigen auch: Wir können uns dagegen wappnen.

Mehr Wind- und Solaranergie drücken das allgemeine Preisniveau im Strommarkt. Und mit einer zunehmenden Elektrifizierung können wir diese heimischen wie günstigen Ressourcen dann auch für Heizen, Mobilität und Industrieprozesse nutzen. Und das ist nicht nur für die Verbraucher:innen gewinnbringend, sondern auch aus Stromerzeugungssicht. Denn mehr Elektrifizierung bringt auch mehr Lastflexibilitäts- und Speicherpotenziale ins System, damit können Strombedarfe also besser auf die Erneuerbaren-Erzeugung abgestimmt werden und so wird günstiger Ökostrom noch intelligenter nutzbar. Wie etwa mit einem dynamischen Tarif. Anschauungsmaterial zu den schädlichen Auswirkungen fossiler Krisen bzw. Abhängigkeiten gab es zuletzt genug – höchste Zeit also, dass wir uns mit einer beschleunigten Energiewende resilienter aufstellen!

 

An den grundsätzlichen Problemen mit fossilen Energien und Deutschlands noch immer bestehender Abhängigkeit ändert auch ein Friedensabkommen zwischen den Kriegsparteien wenig. Auch kurzfristige Verbesserungen und Entlastungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, wie schnell uns internationale Krisen wieder in eine Energiekrise stürzen können, wenn wir nicht endlich sektorenübergreifend aus der fossilen Vergangenheit heraustreten. Die Jahre seit 2022 haben gezeigt, dass wir es können.

  • Unterstützt seit Juli 2019 von Berlin aus die naturstrom-Pressearbeit. Schon lange Jahre überzeugter Energiewender, auch beruflich. Unter anderem zuvor bei der Agentur für Erneuerbare Energien mit Kommunikation zu einer nachhaltigen Energieversorgung beschäftigt.

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