Neues Jahr – neue Einblicke! In der Blogreihe „Auf ein Wort vor Ort“ wollen wir euch 2026 ganz persönliche Geschichten rund um unsere Öko-Energieanlagen und Produkte erzählen. Dazu suchen wir das Gespräch mit Leuten, die am nächsten dran sind: Schäfer:innen, Landwirt:innen, Bürgermeister:innen, Dorfvereine, Bürgerenergie-Gemeinschaften und viele mehr.
Den Anfang macht Carsten Meyer aus Rottenbach. Dem Landwirt aus dem kleinen Ort an der bayerisch-thüringischen Grenze gehören etwa sechs Hektar und damit ein Drittel der Fläche des Solarparks Rottenbach. Ohne seine Unterstützung wäre das Gemeinschaftsprojekt, an dem auch die grüne Suchmaschine Ecosia beteiligt ist, kaum umsetzbar gewesen.
Hallo Herr Meyer. Schön, dass Sie bereit sind, uns von Ihrer Rolle im Projekt Rottenbach zu erzählen. Erstmal grundsätzlich: Woran denken Sie, wenn Sie den Begriff „Energiewende vor Ort“ hören?
An grünen Strom, produziert durch PV, Windkraft oder Biogas. Strom, der direkt vor der Haustür produziert wird.
Dazu tragen Sie auch Ihren Teil bei. Wie kam denn der Kontakt zu naturstrom zu Stande?
Ein Bekannter, ursprünglich auch Rottenbacher, kam auf mich zu. Er hatte wohl schon Kontakt zu naturstrom und wusste, dass meine Flächen in Frage kommen. Das ist schon einfacher, wenn man ein bekanntes Gesicht als Ansprechpartner hat.
Ich nehme an, das Thema Flächennutzung hat auch etwas mit ihrem Beruf zu tun?
Ja sicher, immerhin bin ich hauptberuflich Landwirt. Noch bis Juli hatte ich eine Milchviehhaltung, aber auch da lag der Fokus schon auf der Produktion von Brotweizen, Raps zur Energiegewinnung und Tierfutter zum Verkauf.
Was hat sie dazu bewegt, die Flächen für einen Solarpark zu verpachten?
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht macht es einfach Sinn. Wir müssen uns nicht mehr um die Flächen kümmern und bekommen trotzdem unser geregeltes Einkommen.
Aber klar, einfach war die Entscheidung nicht. Schließlich bin ich Landwirt und da gehört es zu meinem Selbstverständnis, auf meinen Flächen auch etwas anbauen zu wollen.
Wir hatten zwei Optionen: die Flächen entweder zu verpachten oder zu verkaufen. Mein Vater und ich haben uns dann für die Verpachtung entschieden, damit uns das Land weiterhin gehört, auch nach den 20 Jahren Vertragslaufzeit.
Hatten sie Angebote von anderen Projektierern oder Interessenten? Wenn ja, welche Kriterien waren bei der Auswahl des Projektpartners ausschlaggebend?
Es gibt immer mehr Flächenkonkurrenz und die Pachtpreise werden immer höher, das beobachte ich mit Sorge. Auch wenn Landwirte untereinander Land verpachten, müssen sie sich dann an diesen Preisen orientieren.
naturstrom war von Anfang an schon sehr transparent. Nur einmal gab es einen kleinen Vorfall. Beim Bau ist eine Grabenfräse ausgerutscht und hat einen Weg, der mir gehört, beschädigt. Nach einer gemeinsamen Begehung war dann aber klar, dass das schnell wieder instandgesetzt werden kann.
Es wurden auch alle Zusagen eingehalten, zum Beispiel, dass ich eine Entschädigung für die Ernte bekommen habe, die wegen des frühzeitigen Baustarts nicht mehr eingeholt werden konnte.
Beim Vertrag hatte ich auch Mitspracherecht. Wir konnten klären, dass sich der Pachtpreis an die Inflation anpasst, das Land nach dem Rückbau wieder genutzt werden kann und welche Wege eingezäunt werden dürfen.
Da helfe ich dann auch gerne mit und habe zum Beispiel alle Lieferungen für die Baufirma an meinem Hof angenommen, weil die Baustelle ja keine Adresse hat.
Was würden Sie anderen Landbesitzern raten, die Angebote von Projektierern bekommen?
Man sollte den Vertrag gut lesen. Und andere Landwirte oder Eigentümer befragen, die schon Photovoltaik auf der Fläche haben. Die können einen dann beraten, auf welche Details man achten soll.
Hatten Sie Bedenken zu Bodenschutz, Verlust der Bodenqualität oder den späteren Rückbau?
Beim Bau wurde auf eine naturnahe Gestaltung wert gelegt. Elemente wie Stein- und Totholzhaufen werten die Fläche auf und bieten Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. © naturstrom AG
Es ist vertraglich festgehalten, dass nach Rückbau weiterhin eine landwirtschaftliche Nutzung möglich ist. Der Bekannte, der mich angeworben hat, meinte „Die Flächen ruhen jetzt 20 Jahre. Sie werden in Ruhe gelassen und können sich erholen.“ Das hat mich überzeugt.
Gibt es bei den Flächen um Rottenbach Besonderheiten, die unsere Kolleg:innen aus der Projektentwicklung beachten mussten?
Wir hier in Rottenbach sind „steinreich“, beziehungsweise der Boden, unter einer kleinen Schicht kommt gleich der blanke Fels. Wir haben hier eine sehr schlechte Bodengüte und sind somit sowieso kein Spitzengebiet bei den landwirtschaftlichen Erträgen. Die Bauleiter waren auch nicht zu beneiden. Durch den felsigen Boden konnten die Pfeiler nicht gut gerammt werden.
Konnten Sie bereits landschaftliche Veränderungen beobachten, zum Beispiel bei Tieren und Pflanzen?
Auf der Fläche bin ich ja nicht mehr viel unterwegs, nur noch an den Randgebieten zum Holz machen. Einmal habe ich mich mit dem Schäfer unterhalten, die Tiere finden dort gutes Futter.
Sind Sie weiterhin in die Grünpflege der Flächen involviert?
Während der Bauphase habe ich geholfen und die Flächen vor dem Baustart abgemäht. Da waren noch viele hohe Disteln und für das Ausmessen muss das Gebiet einigermaßen eben sein.
Seit der Inbetriebnahme ist der Schäfer mit seinen Schafen zuständig. Das händische Mähen würde auf der riesigen Fläche zwischen den Modulen wirklich keinen Spaß machen.
Viele Leute machen sich Sorgen, dass durch Photovoltaik zu viel landwirtschaftliche Fläche verloren geht. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?
Einerseits bin ich Landwirt und finde es schlimm, wenn immer mehr Fläche versiegelt wird. Ein Solarpark ist da aber anders und der Boden bleibt für Natur und Landwirtschaft erhalten.
Welche Baustellen sehen Sie bei der Energiewende?
Die Förderlandschaft ist zu sprunghaft und unübersichtlich. Heute fördern wir das, morgen fördern wie das, da fehlt die Planungssicherheit. Das ist wie bei der Landwirtschaft: Früher hat man einen Kuhstall auf 20 Jahre finanziert. Jetzt weiß man nicht, was in drei Jahren ist und ob sich der Viehbetrieb noch lohnt.
Was für ein nachdenklich machendes Schlusswort. Herr Meyer, vielen Dank für die offenen Antworten und Ihre Zeit für das Gespräch.
Im Februar geht es weiter mit dem zweiten Teil von „Auf ein Wort vor Ort“. Um herauszufinden, wer unser nächster Interview-Partner ist, abonniert am besten gleich hier unseren Blog.
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ist seit 2020 bei naturstrom und unterstützt das Team „Bürgerenergie & projektbegleitende Kommunikation“ seit 2022.