In der Blogreihe „Auf ein Wort vor Ort“ wollen wir euch 2026 ganz persönliche Geschichten rund um unsere Öko-Energieanlagen und Produkte erzählen. Dazu suchen wir das Gespräch mit Leuten, die am nächsten dran sind: Schäfer:innen, Landwirt:innen, Bürgermeister:innen, Dorfvereine, Bürgerenergie-Gemeinschaften und viele mehr.
In unserem zweiten Teil geht’s weiter mit Christian Hoffmann. Der Diplom-Ingenieur für Landschaftsnutzung und Naturschutz lebt im sächsischen Weißwasser und arbeitet freiberuflich als biologischer Gutachter. Seit 2024 begleitet er ein gemeinsames Biodiversitätsprojekt von NABU und naturstrom am Solarpark Nochten. Als Mitglied der NABU Regionalgruppe Weißwasser kannte er die Fläche und ihre Besonderheiten bereits vor dem Bau des Parks.
Als biologischer Gutachter ist eine deiner Aufgaben die Biotopkartierung, also die Erfassung und Dokumentation von Vegetation auf einer Fläche. Du bist außerdem Vorsitzender der NABU Regionalgruppe Weißwasser und Projektleiter in der Naturschutzstation Muskauer Heide.
Wie oft führt dich deine Arbeit eigentlich in Solarparks?
Ich bin regelmäßig in Solarparks. Allerdings nicht in vielen verschiedenen, sondern über längere Zeiträume in wenigen ausgesuchten Anlagen, die ich als Gutachter begleite. Aktuell unterstütze ich zum Beispiel auch einen Projektierer bei der ökologischen Planung eines Solarparks.
Sieht es denn nicht in jedem Solarpark gleich aus?
Nein, gar nicht. Allein schon die landschaftlichen Grundvoraussetzungen sowie die vorherige Nutzung führen zu komplett unterschiedlichen Anlagen. Gibt es Berge, Hügel oder ist es Flachland? Steht die Anlage auf einer ehemaligen Deponie oder auf einem Acker?
Und nicht zuletzt ist auch das Alter eines Solarparks ausschlaggebend. Ältere Parks erkennt man gut an den eher schmalen Modultischen, die wesentlich weniger Fläche bedecken, da eine Verschattung im Winter unbedingt vermieden werden sollte. Es variieren die Höhe der Aufständerung und die Größe der Zwischenräume. Ein Solarpark gleicht also selten einem anderen.
Die Fläche des Solarparks Nochten, bei dessen ökologischer Aufwertung du naturstrom begleitest, kennst du schon länger. Wie hat sich der Lebensraum dort verändert und welche Highlights oder Überraschungen gab es für dich seit der Errichtung der Freiflächenanlage?
Hier muss man eigentlich noch weiter in der Zeit zurück und auch in die Region schauen. Denn vor 20, 30 Jahren war hier zwar auch schon Acker, doch die Fläche war ein regelrechtes Feuchtgebiet. Veränderung brachte der nahegelegene Braunkohletagebau*: Das Grundwasser ist seitdem stark abgesunken und nur die Fichten und zahlreichen Gräben im angrenzenden Waldgebiet zeugen noch vom ehemals hohen Wasserstand. In den Wäldern erfolgt heute eine Fremdbewässerung durch den Bergbaubetreiber.
*Im Tagebau Nochten werden bis zu 18 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr gefördert. Der Betrieb wurde 1960 aufgenommen und ging mit der Entwässerung der Landschaft sowie der Umsiedlung einiger Ortschaften im Abbaugebiet einher.
Der Acker, auf dem der Solarpark 2022 gebaut wurde, war für mich weniger interessant, denn natürlich war die Artenvielfalt dort eher gering. Ganz logisch: Eine konventionelle Bewirtschaftung, die mit Pestizideinsatz das Aufkommen von Ackerwildkräutern aktiv verhindert, erzeugt eine monotone Pflanzen- und Tierwelt.
Mit dem Betrieb der PV-Anlage hat sich die Biodiversität maßgeblich erhöht, was auch unsere 2025 durchgeführten Monitorings gut dokumentieren. Insofern kann die Freiflächenanlage als Bereicherung auf der Ebene der sichtbaren Artenvielfalt betrachtet werden.
Wenn du nicht grad einen Solarpark kartierst – wie sieht dein Arbeitsalltag sonst so aus?
Meine Arbeit verteilt sich auf drei Bereiche, überschneidet sich dabei aber an vielen Stellen. Denn ich bin einerseits biologischer Gutachter und erstelle z.B. Umweltgutachten und Dauerbeobachtungen als Grundlage für Planungen vor allem für den Bereich Naturschutz.
Zeitgleich bin ich ehrenamtlicher Vorsitzender der NABU Regionalgruppe Weißwasser, wo viele praktische Arbeiten wie z.B. die Biotop-Pflege anfallen. In diesem Kontext bin ich zudem an der Bewertung von Bauprojekten beteiligt und es kann vorkommen, dass wir hier Stellungsnahmen formulieren oder im Ernstfall auch mal Einspruch gegen Bauprojekte einlegen.
Und zu guter Letzt bin ich Projektleiter bei der Naturschutzstation Muskauer Heide und treibe dort verschiedene Themen wie Umweltbildung und Forschung voran oder koordiniere diverse Naturschutzprojekte hier vor Ort.
Am liebsten bin ich aber in der Fläche und gucke ganz konkret: Was kann ich für die Natur verbessern?
Als jemand, der regelmäßig mit dem Thema Naturschutz in der Region zu tun hat: Wo siehst du die größten Herausforderungen und Chancen bei der Verbindung von Naturschutz und Energiewende?
Hier hat mich die regionale Nähe zum Tagebau natürlich stark geprägt. Insofern habe ich schon früh gesagt: Wir müssen unsere Energiebedarfe senken und auf andere Art decken als über Braunkohle und Co., bei deren Verbrauch Unmengen an CO2 in die Luft geblasen werden.
Erneuerbare Energien können die Lösung sein, wobei ich jedoch den privaten Bereich stärker in den Fokus rücken möchte. Ich persönliche habe seit langem eine PV-Anlage zur Stromerzeugung auf dem Dach. Beim Umbau der Heizungsanlage haben wir dafür gesorgt, dass Solarthermie genutzt werden kann. Im Eigenheimbereich ist die Sache klar, doch auch bei Mehrfamilienhäusern sehe ich viel Potential – generell bei bereits versiegelten Flächen. Ich denke hier an die riesigen Dach- und auch Wandflächen der Plattenbauten, die bei uns zum Stadtbild dazugehören. Mir ist natürlich bewusst, dass die Umsetzung bislang leider oft an gesetzlichen Hürden scheitert. Das habe ich persönlich erlebt, als ich mich als Teil eines kommunalen Entwicklungsbeirats an eine Wohnungsbaugesellschaft hier vor Ort mit Realisierungsfragen gewendet habe und erfahren musste, wie kompliziert es ist, als Vermieter Strom zu erzeugen. Es freut mich aber sehr, dass Unternehmen wie naturstrom mit ihren Mieterstrom-Projekten am Ball bleiben und die Energiewende auch in den Geschosswohnungsbau bringen.
Zurück zur Freifläche: Seit 2024 müssen bestimmte Naturschutzkriterien bei EEG-Ausschreibungen für neue Anlagen erfüllt werden, kannst du uns das genauer erläutern?
Wenn ein Projekt an einer EEG-Ausschreibung teilnehmen möchte, müssen drei von fünf Mindestkriterien erfüllt werden. Diese betreffen die beanspruchte Grundfläche, das Pflegekonzept, die Durchgängigkeit für Tierarten, Biotopelemente und einen bodenschonenden Betrieb.
Dieser Anspruch geht in die richtige Richtung, reicht aber nicht aus. Wichtig ist vor allem, ein übergeordnetes Naturschutzziel zu definieren, um Maßnahmen nicht wahllos umzusetzen. Welche Tierarten sollen gefördert werden entsprechend der landschaftlichen Voraussetzungen? Ein passendes Pflegekonzept, das von einem erfahrenen Planer erstellt wurde, ist wichtig.
Zudem nehmen ja gar nicht alle Projekte an EEG-Ausschreibungen teil. Für diese gelten dann keine Mindestanforderungen. Hier zählt dann manchmal lediglich der gute Wille des Projektierers.
Für nachhaltig wirtschaftende Projektierer gibt es das Gute-Planung-Siegel des bne. Eine Selbstverpflichtung für den Bau von Solarparks, der auch naturstrom folgt und bei der anhand von selbst auferlegten Branchen-Standards Vorteile für Kommunen, Bürgerinnen und Bürger sowie für den Naturschutz mit positiven Effekten für die Biodiversität gesichert werden sollen.
Doch was, wenn der Solarpark schon steht?
Was empfiehlst du Projektierern von Erneuerbaren Energien-Projekten, wenn sie in ihren bestehenden Parks etwas für die Artenvielfalt tun möchten?
Auch dann ist es noch möglich, sich zum Beispiel vom NABU oder Landschaftsplanern beraten zu lassen. Ich muss da wieder auf die Zielsetzung und ein dienliches Pflegekonzept zurückkommen. Man kann schauen, wie viel Fläche gestalterisch zur Verfügung steht oder ob Biotope mithilfe von gestalterischen Elementen nachträglich angelegt werden können. Denn mögliche Räume gibt es häufig: Zum Beispiel wird bei angrenzenden Wäldern oft eine Lücke gelassen, um Verschattung zu vermeiden. Mache ich dort dann nur eine grüne Wiese und mähe zweimal im Jahr oder gehe ich aktiv in die Gestaltung zur Förderung von Artenvielfalt?
Natürlich muss ich unter Umständen die baurechtliche Satzung ändern, die bei genehmigten Anlagen gewisse Grenzen setzen.
Also wäre es besser, bereits vor dem Bau daran zu denken?
Richtig. Dann kann ich von Anfang an das gemeinsam ausgearbeitete Pflegekonzept berücksichtigen und naturschutzfachliche Kriterien umsetzen. Dafür lohnt es sich auch, mal in der Region zu schauen, ob es lokale Akteure gibt, die im Naturschutz aktiv sind und die man direkt um Rat fragt. Untergliederungen von Naturschutzorganisationen sind vielerorts aktiv und haben vielleicht sogar schon Beobachtungen auf der geplanten Fläche gemacht, die einbezogen werden können. Stichwort Zielsetzung.
Gleichzeitig verstehe ich jeden Projektierer, der auf Basis von Wirtschaftlichkeit und Energieertrag seinen Solarpark optimal planen möchte. Schließlich stehen wir als Gesellschaft vor der schwierigen Herausforderung, einen immer größer werdenden Energiebedarf decken zu müssen.
Was möchtest du den Bürger:innen diesbezüglich mitgeben? Was müssen wir beim Zusammenspiel von Klima- und Naturschutz bedenken?
Da möchte ich gerne im Namen des NABU sprechen und dazu aufrufen, dass wir wieder mehr Bewusstsein für die Natur um uns herum schaffen. Wir benutzen Technologie dafür, unseren Körper weniger zu erleben, mehr online zu erledigen und im Supermarkt sehen wir auch nur die Nahrungsmittel, nicht den Acker. Wir müssen uns als Teil der Natur begreifen, der wir sind und uns aktiv dafür zu entscheiden, unseren Energiebedarf als Gesellschaft in ökologisch vernünftigen Grenzen zu halten. Grenzen, die durch Erneuerbare Energien bedient werden können.
Ich danke dir sehr herzlich für das interessante Gespräch und deinen engagierten Einsatz für die Natur.
Copyright Headerbild: naturstrom AG/M.Friel
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unterstützt seit Oktober 2023 die Abteilung „Bürgerenergie & projektbegleitende Kommunikation“ dabei, Menschen für die bürgernahe dezentrale Energiewende zu begeistern.
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